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Die Zeit nach dem II. Weltkrieg
III. Aus den Erinnerungen der Christa Walny: (Christa Walny, lebt heute in Frankfurt, Februar 2006)
Hier ihr erster Email-Bericht: Ich weiß nur, dass wir aus dem Sudetenland im April irgendwann am Marktplatz abgeladen wurden(aus dem Lager Wolfhagen kommend) und
dann hat uns der damalige Bürgermeister Schreckert (Straße nach Naumburg
letztes Haus rechts damals) eingewiesen. Überall mussten Bauersleute ein Zimmer frei machen, damit die Flüchtlinge, wie wir genannt wurden, ein Dach über dem Kopf hatten.
Wir haben bei Arendts gewohnt. Wir, das waren meine Mutter, Großmutter väterlicherseits und ich. Und Familie Arendt (mit 4 Kindern) waren eine der wenigen Familien, die freiwillig ein Zimmer räumten.
Später als mein Vater erstaunlicherweise schon im Oktober 1946 aus russischer Gefangenschaft heimkehrte und sich Geschwister anmeldeten, bekamen wir eine 2 1/2 Zimmerwohnung bei Frau Gabriel (auch neben Ritter
,schräg gegenüber von Huhn). 1954 zogen wir dann, inzwischen als 6köpfige Familie mit Großmutter dazu nach Frankfurt.
Foto: Christa und Tochter Sarah Walny, Sommer 2005
Und hier ihr ausführlicher Bericht: Aus meinen Erinnerungen:
Jetzt im April sind es tatsächlich schon 60 Jahre her, dass ich mit meiner Mutter und Großmutter Walny in Altenstädt
neue Heimat fand. Wie die ersten Tage und Wochen vergangen sind, weiß ich nicht mehr. Als die Feldarbeiten anfingen
und die Bauersleute Helfer brauchten, gingen meine Oma und Mutter mit aufs Feld. Und ich mußte natürlich auch mit.
Eigentlich kann ich mich dann nur an die Erntezeiten erinnern. Damals wurde Roggen, Gerste, Weizen und Hafer
geschnitten und wir banden Garben und stellten sie auf. Später wurden die Garben dann aufgeladen und in die Scheunen
gebracht. Dann fuhr die Dreschmaschine von Bauer zu Bauer und die Bauern halfen sich gegenseitig beim Korn dreschen.
Auch meine Mutter half mit und abends gab es dann gutes Essen. Später kam dann die Rübenernte (Dickwurzeln) und die
Kartoffelernte. Wenn dann auf den Feldern während der Arbeit eine Pause eingelegt wurde, gab es auch für uns gutes Brot mit eingemachter Leber- oder Blutwurst. Das war immer sehr lecker.
Wir Heimatvertriebenen gingen danach immer stoppeln - d.h. zur Nachlese. Halme, die liegen geblieben waren oder auch
Kartoffeln, die wir noch fanden, durften wir dann für den Eigenbedarf verwenden. Milch kauften wir in der Milchkanne
beim Bauern. Da wurde der Rahm abgeschöpft und nach 4 oder 5 Tagen der Rahm zur Butter geschleudert (in der
Milchkanne hin- und hergeschüttelt, bis Butter und Buttermilch daraus wurde. Das dauerte schon eine Weile. Ansonsten
gab es natürlich nur Margarine. Ans Bucheckern sammeln kann ich mich auch noch erinnern. Daraus wurde Öl gemacht.
Heidelbeeren gab es in der Haardt und auch im Mühlenholzwald , besonders aber Pilze: Steinpilze, Pfifferlinge und
Butterpilze. Die sammelten nur die "Flüchtlinge". Wir trockneten sie und hatten im Winter zu den Klößen dann gute
schmackhafte Pilzsoße. In der Nähe von der Gänseweide pachteten wir, als mein Vater wieder da war, einen Garten,
um Salat, Gemüse und Tomaten und Gurken anzubauen. So ging es uns nicht schlecht. Wenn bei den Bauern Schlachtfest
war, bekamen wir auch Wurstsuppe ab. Auch da wurden ja alle Hände gebraucht. Aus dem Wellfleisch machte ich mir
allerdings nicht viel. Doch gab es auch Möhrenwurst. Die schmeckte mir schon. Seit der Zeit in Altenstädt habe ich aber
nie mehr Möhrenwurst gegessen. Besonders mag ich natürlich bis heute noch die „ahle Worscht“. So gut abgehängte, wie damals habe ich auch nie wieder gegessen.
Auch meine Großeltern mütterlicherseits mit Namen Panek wohnten im Ort bei Döring mit meiner Tante Mimi Erben ,
meiner Cousine Gisi und meine Tante Rosa, die später Rupert Wiltschko heiratete, der wohlbehalten aus dem Krieg
zurückgekommen war. (Meine erste Hochzeit an die ich mich erinnern kann, natürlich im bescheidenen Rahmen.) Ich war
also gut versorgt. Das Einzige wovor ich Angst hatte, waren die Hunde, die fast jeder Bauer hatte. Zwar waren die
meistens angekettet. Aber einmal hat mich doch einer mal geschnappt. Es ist nicht viel passiert, aber meine Angst hat sich ziemlich lange gehalten.
An den Tag im Oktober 1946 kann ich mich noch erinnern, als Walter Siebert aufs Feld kam (Enkel von Bauer Braun), wo wir wieder einmal beim Kartoffel ernten halfen, ein Telegramm
schwenkte, worin stand, dass mein Vater aus dem Krieg zurück sei. Natürlich hat das in der damaligen Zeit unheimlich lang gedauert, bis er unsere Adresse gefunden hat, bis meine Mutter, die ihn abholen
fuhr, alle Passierscheine zusammen hatte, um dann endlich mit ihm nach Altenstädt zurück zu kommen. Ich freute mich sehr auf meinen Vater. Sieberts Walter ging mit mir Richtung Bahnhof, der ja ziemlich
weit weg war und dann kam ein für mich fremder Mann an der Seite meiner Mutter auf mich zu und nahm mich in den Arm. Foto: Anneliese Göbel mit Christa und Geschwistern
Doch zum Glück blieb er mir nicht lange fremd und ich fand ein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Allerdings mußte ich
dann auch bald teilen lernen, weil ich nach und nach 3 Geschwister bekam. (in Frankfurt dann noch einen Bruder dazu)
An die Einschulung 1949 kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Aber daran, dass es noch Schulspeisung gab und ich
immer einen Blechnapf mitnahm für eine Suppe. Ich hatte die Lehrerin Engel, die ich sehr liebte, die aber leider bald
wegzog. Dann kann ich mich an Lehrer Lackinger und den Schuldirektor Pieck erinnern. Bei Lehrer Lackinger hatte ich
immer ein 4 im Singen, weil ich kein so gutes Gehör hatte und nicht geübt im Vorsingen war. Nach der ersten Klasse
hatten wir mit mehreren Klassen zusammen in einem Raum Unterricht. 1953 bestand ich die Aufnahme in die Wilhelm
Filchner-Realschule in Wolfhagen. Da hieß es dann: um 5.30 Uhr aufstehn, weil um 6.15 Uhr der Bus von der Haltestelle
gegenüber beim Gastwirt Ritter abfuhr. Er fuhr über viele Dörfer und war dann gegen 7.20 an der Schule. Da mussten wir
dann warten, bis der Unterricht um 8 Uhr begann. Mittags gegen 13 .15 Uhr glaub ich, ging der Bus dann heimwärts.
Einmal gab es so viel Schnee im Winter und Schneeverwehungen, dass der Bus nicht fahren konnte und wir die 7 km laufen mussten.
Ausflüge machten wir manchmal im Sommer zur Weidelsburg. Nach Naumburg musste ich oft zu Dr. Schlagetter, um für meine Oma Tabletten gegen Rheuma verschreiben zu lassen und aus der Apotheke zu holen.
Mit den Heimatvertriebenen kamen auch Andersgläubige nach Altenstädt. Bislang gab es nur Evangelische und
Reformierte im Dorf, jetzt kamen Katholiken dazu. Das war damals nicht so ganz konfliktfrei, weil man auch zu wenig
voneinander wußte. Ich kann mich noch erinnern, dass am Karfreitag bei den Evangelischen gesotten und gebraten wurde, weil es ja ein hoher Feiertag war. Bei uns Katholiken ist der Karfreitag aber ein Fasttag.
Als mein Vater wieder da war und wir uns vermehrten, brauchten wir auch eine größere Wohnung. Wir zogen also zu Frau Gabriel, wo ich Irene als ältere Spielkameradin hatte.
Und für die Wohnung brauchte man Möbel. Mein Vater hatte als Jugendlicher eine Tischlerlehre gemacht. Und so fügte
es sich, dass er bei dem Geschwisterpaar Degenhardt, die eine Tischlerwerkstatt hatten, sich seine Möbel machen durfte.
Ich habe ihn gern dort besucht, weil Sophie Degenhardt immer nett zu mir war. Am tollsten schmeckten mir die Birnen
von ihrem Birnbaum. Mollebuschbirnen - die halten sich sehr lange, sind auch lange hart, aber dafür später umso saftiger
und schmackhafter. Dort habe ich auch Holundersuppe mit Grießklöschen kennen gelernt, was ich nie wieder im Leben danach zu kosten bekam.
Brot und Kuchen wurden ins Backhaus zum Backen gebracht. Die Teigreste vom Brot wurden zu einer Art Grundlage für
Eier und Speck. Da hab ich mich immer gern in der Küche beim Bauer Huhn aufgehalten, weil ich dann auch etwas abbekam. Und es schmeckte einfach köstlich
Überhaupt kann ich mich nicht erinnern, dass ich selbst unter meinem "Flüchtlingsdasein" zu leiden hatte. Die Bauern
ringsum waren gut zu mir. Ich bekam so manches Mal ein Stück Obst oder Ribbelkuchen zugesteckt. Kinder gab es
auch immer rundherum. Da wurde Schule gespielt und Völkerball und Streifzüge wurden durch die Umgebung gemacht.
Traktoren und Autos konnte man noch zählen. Da war es nicht gefährlich für uns. Meine Oma und Mutter strickten viel
für die Kinder der Bauern, auch meine Schwester und ich hatten gestrickte Röckchen und Westen. Für das Stricken
bekamen wir dann Eier und Speck und sonstige nützliche Naturalien. Meine Großeltern Panek und mein Tante Mimi
sind etwa 1950 nach Kassel gezogen. Da durfte ich dann in den Ferien "Urlaub" machen. Allerdings war das Bus fahren
für mich immer ein Greuel. Kassel hat wegen des Urlaubs auch heute noch für mich ein besonderes Flair.
Meines Wissens nach haben wir uns mit den umliegenden Bauern gut verstanden und hatten ein gutes Verhältnis. Das hat
sich auch später gezeigt, als wir im Juli 1954 nach Frankfurt zogen. Mein Vater hatte 1951 eine Stelle als Postbeamter in
Frankfurt bekommen und 1954 durften wir endlich in die neu gebaute Postsiedlung nachziehen. Die Kontakte zu Altenstädt blieben noch lange erhalten. Und ich selber denke gern an eine glückliche Kindheit zurück.
Sicher gibt es noch mehr Erinnerungen - doch das ist mir jetzt so spontan eingefallen.
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